Lukas
 

Mein Name ist Lukas, ich bin Grieche und Schriftsteller. Ich habe die Geschichte von der Geburt Jesu geschrieben.
Bei berühmten Menschen meiner Zeit wollten die Leute wissen, wo und wann und unter welchen Umständen ein berühmter Mensch geboren wurde, wer die Eltern waren. Auch Geschichten aus der Kindheit waren gefragt.
Als ich mein Buch schrieb, wusste man von der Geburt und Kindheit Jesu fast nichts. Es war fast ein Jahrhundert her. Also erzählte ich es so, wie man es sich nach den Überlieferungen Israels vorstellen könnte. Fantasie war natürlich auch dabei, ich bin schließlich Schriftsteller.

Für einen historischen Bericht sollte man meine Erzählung nicht halten. Dennoch wird sie an Weihnachten bis heute gerne gelesen. Das ehrt mich.

Trotzdem: Heute würde ich sie so nicht mehr erzählen. Immerhin hatten wir damals die Vorstellung, die Welt sei in drei Stockwerke eingeteilt. In der Mitte unsere Erde, darüber die himmlische Welt und unter uns die Welt der Toten.

Wie konnten wir auch ahnen, dass es im Weltall kein Oben und Unten gibt und dass es ganz anders aussieht, unvorstellbar groß mit den Milliarden von Sternen, und wir ein Winzling irgendwo am Rande unseres Sonnensystems. Dazu passt meine Geschichte nicht mehr.
Damals freilich schrieb ich es so auf, dass die Leute es verstehen können: Der himmlische Jesus, gezeugt von einem Gott mit einer menschlichen Frau, lebte unter uns, um unsere Welt endgültig vom Bösen zu erlösen. Das ließ ich von Engeln ankündigen, denn die galten als Vermittler zwischen der oberen und unserer Welt. Für die Menschen meiner Zeit war das glaubwürdig.

Heute versteht das niemand mehr. Sicher, es gibt noch Engel, in Liedern, Geschichten, Bildern, aber vor allem in der Weihnachtsdekoration, oft als junge, goldlockige, weiß gekleidete Mädchen, das steigert den Verkaufserfolg. Aber daran bin ich nicht schuld, davon hatte ich nichts geschrieben. Auch das passt nicht mehr in die heutige Zeit. Betrügen sich die Menschen nicht selbst damit, zum Beispiel, wenn sie schöne Engel auf Geschenkpapier lieben?

Zum Weitergeben der christlichen Botschaft braucht man keine Engel. Das kann jeder von uns. Und Frieden zwischen Menschen und Völkern kommt nicht vom Himmel, von welchem auch? Den könnten wir selber schaffen. Leider haben das viele Christen im Lauf der Geschichte nicht ganz verstanden, sondern stattdessen unter den Menschen gewütet, Unrecht und Leid noch vergrößert, sogar im Namen Gottes. Wie geht das zusammen? Was glauben sie denn? Was hat ihr Glaube mit ihrem Leben zu tun?

Übrigens: In meiner Geschichte beginnt der Gesang der himmlischen Heerscharen so: „Ehre sei Gott in der Höhe“. Heute würde ich das nicht mehr so schreiben. Meine Botschaft hieße heute: „Ehre sei Gott in der Tiefe…“, ein Thema, auf das ich in meinem Buch großen Wert lege. Jeder Christ könnte - wie damals die Engel - zu denen gehen, die nicht geachtet, die benachteiligt und ausgebeutet werden, denen Unrecht geschieht und deren Würde mit Füßen getreten wird, indem er (sie) ihnen - mehr noch als die Engel - das gibt oder für sie erkämpft, was sie zu einem menschenwürdigen Leben brauchen. Wäre das nicht himmlisch?

Manfred Mursch

 

 

 

 

 

 

Ziege Amanda

Ah, tut das gut hier. Vor allem meine kleine Tochter friert nicht mehr. Heute ist sie geboren - winzig klein ist sie.- Die Nacht wird kalt.

Jonathan, der junge Hirte, hat uns diese Ecke im Stall gegeben.

Uri, der Esel, und Viktor, der Ochse, stehen an ihrem Platz. Da kommen noch zwei Menschen in den Stall. Ein Mann und eine junge Frau, fast noch ein Mädchen. Sie wirkt sehr erschöpft und kauert sich, wie Schutz suchend, in die andere Ecke. Etwas Stroh und weiches Gras liegen dort. Der Mann ist bei ihr, sie stöhnt, er tröstet sie.

Jonathan bringt ihr noch eine Schale mit heißer Suppe vom Feuer draußen, auch für den Mann. Und er schickt die alte Hanna, die draußen bei den Hirten immer hilft, zu den beiden. Es sieht so aus, als ob ein kleiner Mensch geboren werden will. Bei Menschen scheint das schwieriger zu sein als bei uns Ziegen. Ich habe nicht gewusst, wie klein und hilflos so ein kleines Menschenwesen ist.

Uri und ich stehen vor der Frau und staunen. Sie hat das Kind in ihren Schleier eingewickelt und scheint zu schlafen. Ganz ruhig liegt sie da, einen Arm um das Kind gelegt. Der Mann hebt vorsichtig den Schleier für uns, auch das Kind schläft.

In meiner Ecke lege ich mich neben meine Tochter und bin wohl fest eingeschlafen. Nachts waren da wohl Stimmen und Klänge und alles war gut.

Else Schmidbauer